Meine erste Reise allein und der Beginn einer großen Liebe
Das Leben läuft oft nicht so, wie wir es uns vorstellen. Manchmal sind es gerade die Pläne, die plötzlich nicht mehr funktionieren, die uns auf Wege bringen, die wir uns selbst vermutlich niemals ausgesucht oder getraut hätten – und von denen wir später feststellen, dass genau dort etwas auf uns gewartet hat, das unser Leben verändern sollte. 2022 war genau so ein Jahr für mich. Nach sieben Jahren Beziehung hatte ich mich gedanklich längst in meinem ganz persönlichen Bilderbuchleben eingerichtet: verlieben, heiraten, ein Haus, Kinder, vielleicht irgendwann einen Hund adoptieren – ihr wisst schon, das klassische „Und dann lebten sie glücklich bis ans Ende ihrer Tage“. Nur dass mein Märchen an dieser Stelle ein ziemlich abruptes Ende nahm. Plötzlich stand ich allein da, in einer neuen Wohnung, mit einer neuen Arbeitsstelle und einem sozialen Umfeld, das sich ebenfalls drastisch verändert hatte. Vieles von dem, was sich über Jahre vertraut und sicher angefühlt hatte, war auf einmal nicht mehr da. Und während ich noch versuchte herauszufinden, wie mein Leben eigentlich weitergehen sollte, wurde ein Gedanke immer lauter: Ich muss hier raus. Dabei hat die Sehnsucht nach der Ferne eigentlich schon immer in mir gesteckt. Ich wollte andere Länder sehen, neue Menschen kennenlernen, fremde Landschaften entdecken und einfach Abstand von meinem bisherigen Alltag gewinnen. Raus aus der Wohnung, raus aus den gewohnten Abläufen und vielleicht auch ein kleines bisschen raus aus meinem eigenen Kopf. Also saß ich eines Tages in meinem Reisebüro und beschloss, dass es Zeit für mein erstes eigenes Solo-Abenteuer war.
Mein ursprünglicher Plan war Schottland. Burgen, Highlands, dramatische Landschaften und natürlich eine ordentliche Portion Harry-Potter-Vibes – für mich klang das damals nach dem perfekten Ort für einen Neubeginn. Innerlich hatte ich mich also längst auf das abwechslungsreiche Schottland eingestellt und konnte mir kaum etwas Besseres vorstellen, um nach diesem turbulenten Jahr einmal tief durchzuatmen. Nur hatte das Leben offenbar beschlossen, auch diesen Plan noch einmal umzuschreiben. Die Reise wurde wegen Nichterreichens der Mindestteilnehmerzahl also kurzfristig abgesagt. Ich ich war tief enttäuscht. Glücklicherweise hatte mein Reiseberater direkt zwei Alternativen parat: Griechenland oder Island. Zwei Länder, die auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher hätten sein können. Griechenland bedeutete Sonne, Meer, Wärme und antike Geschichte. Island dagegen versprach Vulkane, Gletscher, Wasserfälle, schwarze Strände und eine spektakuläre Landschaft.
Die Frage lautete also: Hochsommer in Griechenland oder Hochsommer in Island? Die Entscheidung fiel mir sehr leicht.

Bei Temperaturen von bis zu 40 Grad im griechischen Hochsommer konnte ich mir damals nicht vorstellen, dass ausgerechnet ein Strandurlaub das Richtige für mich sein würde. Ich wollte nicht einfach nur irgendwo liegen und versuchen, meine Gedanken mit Sonnencreme und Cocktails zu überdecken. Ich wollte etwas erleben. Ich wollte sehen, entdecken und mich von völlig neuen Eindrücken ablenken lassen.
Und genau das bot Island. Ein Land, das ich bis dahin eigentlich nur von Fotos kannte: Vulkane, Gletscher, tosende Wasserfälle, schwarze Lavafelder und im Sommer dieses fast unwirkliche Phänomen der Mitternachtssonne. Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr gefiel mir die Vorstellung, ausgerechnet dorthin zu fliegen. Also hieß es Sommerferien im eiskalten Norden. Und damit begann meine erste Reise allein. Wobei „allein“ eigentlich nicht ganz stimmt. Ich reiste mit Marco Polo Young Line in einer Gruppe – mit fünfzehn Menschen, die ich zu diesem Zeitpunkt noch überhaupt nicht kannte. Was ich damals noch nicht wusste: Diese zwölf Tage würden nicht nur mein erstes eigenes Abenteuer werden. Sie würden gleichzeitig der Anfang meiner ganz persönlichen Reiselust sein – und damit von etwas, das mich bis heute begleitet.
Góðan daginn, Reykjavík
Am frühen Nachmittag ging es von Berlin aus im Luftsprung Richtung Keflavík. Und während das Flugzeug abhob, hatte ich ungefähr zwei Gedanken gleichzeitig: „Was zur Hölle mache ich hier eigentlich?“ und „Bitte lass dieses Flugzeug heil ankommen“. Fliegen war damals ohnehin nicht unbedingt meine Lieblingsbeschäftigung, und ausgerechnet jetzt saß ich dort oben und flog allein in ein fremdes Land. Übrigens gehört Fliegen bis heute nicht unbedingt zu meinen Lieblingsmomenten am Reisen. Wenn ich heute an meine damalige deutlich stärkere Flugangst zurückdenke, muss ich allerdings ein wenig schmunzeln. Damals fühlte es sich für mich noch wie eine ziemlich große Herausforderung an, heute weiß ich: Es ist nur ein Teil des Abenteuers – und meistens bringt es mich genau dorthin, wo ich eigentlich hinmöchte.
Erst als wir uns Island näherten, wich meine Anspannung langsam einem Staunen. Unter mir tauchte eine Landschaft auf, die so gar nicht dem entsprach, was ich unter einem klassischen europäischen Urlaubsziel verstand. Rund um den Flughafen Keflavík wirkte Island beinahe wie eine Mondlandschaft: karg, schwarz und grau schattiert, von Lavafeldern durchzogen und an vielen Stellen völlig frei von Bäumen und größeren Büschen. Keine sattgrünen Wälder, keine dicht bebauten Landschaften – stattdessen weite Flächen aus vulkanischem Gestein.

Island liegt direkt auf dem Mittelatlantischen Rücken, wo die eurasische und die nordamerikanische Erdplatte auseinanderdriften. Der Vulkanismus gehört hier praktisch zur Landschaft dazu. Und genau diese Mischung aus Feuer und Eis sollte ich in den kommenden Tagen noch sehr oft erleben. Als das Flugzeug schließlich in Keflavík landete, war ich also angekommen. Und plötzlich stand ich vor meinem ersten ganz persönlichen Abenteuer: Ich musste allein vom Flughafen nach Reykjavík kommen. Heute klingt das nach einer ziemlich banalen Aufgabe. Bus suchen, einsteigen, aussteigen, fertig. Damals fühlte es sich ungefähr so an, als müsste ich eine kleine Expedition ins Unbekannte starten. Was, wenn ich den falschen Bus nahm? Wenn ich irgendwo falsch ausstieg? Wenn etwas schiefging und niemand da war, den ich einfach fragen konnte? Tja. Dann passierte etwas erstaunlich Unspektakuläres. Es lief einfach alles wie am Schnürchen. Ich schnappte mir mein Gepäck, fand den von meinem Reiseleiter empfohlenen Flybus und stieg ein. Und während Reykjavík langsam näher kam und die Landschaft draußen am Fenster vorbeizog, begann ich zum ersten Mal wirklich zu begreifen, dass ich tatsächlich hier war.
Ich war auf Island. Allein. Und obwohl es inzwischen bereits später Nachmittag war, stand die Sonne noch erstaunlich hoch am Himmel. Ende Juni und Anfang Juli erlebt Island die berühmte Mitternachtssonne – rund um die Sommersonnenwende geht die Sonne im Norden der Insel praktisch nicht vollständig unter. Selbst wenn sie irgendwann tief am Horizont steht, bleibt es hell. Für mich war das völlig ungewohnt. Und auch beim Thema Temperaturen hatte Island offenbar seine ganz eigenen Vorstellungen von Sommer. Während andere Menschen zu dieser Jahreszeit vermutlich über Sonnenbrand und zu warme Hotelzimmer nachdenken, zog ich mir schon wenig später Stirnband, dicke Jacke und Schal über und versuchte, dem kalten Wind möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Sommerurlaub – Island-Edition.
Langsam kam die Hauptstadt in Sicht. Reykjavík liegt im Südwesten Islands und ist die nördlichste Hauptstadt der Welt. Rund 140.000 Menschen leben heute direkt in der Stadt, ein großer Teil der gesamten isländischen Bevölkerung konzentriert sich auf die Hauptstadtregion. Und trotzdem wirkt Reykjavík erstaunlich überschaubar. Vielleicht war genau das nach meinem etwas chaotischen Start auch das Angenehme daran. Keine riesige Metropole, in der man sich sofort verloren fühlt, sondern eine relativ kleine, bunte Hauptstadt, die sich schon bei meiner ersten Ankunft irgendwie erreichbar anfühlte. Auch ihr Name passt erstaunlich gut zu Island: Reykjavík bedeutet „Rauchbucht“. Der Name soll auf die Dampfsäulen der heißen Quellen zurückgehen, die die ersten Siedler in der Umgebung beobachteten. Was damals wie Rauch aussah, war eigentlich Wasserdampf – ein ziemlich passender erster Eindruck für ein Land, in dem die Erde an vielen Stellen buchstäblich dampft und brodelt. Mein Zuhause für die ersten beiden Nächte war das Foss Hotel Baron.

Doch bevor ich mich dort gemütlich zurücklehnen konnte, wartete noch eine andere Herausforderung auf mich: neue Menschen kennenlernen. Schließlich war ich nicht einfach für einen klassischen Urlaub nach Island geflogen. Allein zu reisen bedeutet schließlich nicht nur, sich in einem fremden Land zurechtzufinden. Es bedeutet auch, sich auf völlig neue Menschen einlassen zu müssen. Man weiß vorher nicht, wer neben einem im Bus sitzen wird, mit wem man sich versteht, wer denselben Humor hat oder mit wem man am Ende vielleicht stundenlang irgendwo im Auto festhängt. Ich hatte allerdings verdammtes Glück. Unsere Gruppe war klein genug, dass man sich nicht ständig in Grüppchen verlor, und groß genug, dass immer jemand zum Reden, Lachen oder gemeinsamen Staunen da war. Und wie so oft im Leben war der beste Eisbrecher erstaunlich simpel: gemeinsam Essen. Wir machten uns auf die Suche nach einem Restaurant und landeten schließlich in der Scandinavian Brasserie & Smörrebrød. Dort trafen nach und nach auch die übrigen Mitglieder unserer Gruppe ein. Während wir Burger und Fischgerichte aßen, wurde aus dem anfänglichen vorsichtigen Kennenlernen langsam etwas viel Entspannteres. Namen bekamen Gesichter, Gesichter bekamen Geschichten und aus fünfzehn völlig fremden Menschen begann schon jetzt eine kleine Reisegruppe zu werden. Vielleicht musste ich deshalb später oft darüber lachen, dass ausgerechnet Hunger so häufig Menschen zusammenbringt. Meine beste Freundin und ich hatten uns schließlich ebenfalls einmal auf einer Universitätsveranstaltung kennengelernt – und auch dort war Hunger einer der entscheidenden Faktoren gewesen.
Für großes Sightseeing war an diesem ersten Tag keine Zeit mehr. Der Flug, meine Flugangst, die ungewohnte Umgebung, die erste Fahrt durch Reykjavík und all die neuen Menschen hatten dafür gesorgt, dass mein Kopf schon mehr als genug Eindrücke zu verarbeiten hatte. Und so fiel ich an diesem Abend ziemlich erschöpft ins Bett.
Reykjavík: Wo Feuer und Eis aufeinandertreffen
Am nächsten Morgen begrüßte uns nach dem Frühstück unser Guide – und damit begann unser erster Tag auf Island. Heute stand die Hauptstadt Reykjavík auf dem Programm. Nach meinem etwas aufregenden ersten Abend fühlte sich der Morgen schon erstaunlich anders an. Ich war nicht mehr die völlig allein angereiste Person, die sich am Flughafen noch Gedanken darüber gemacht hatte, ob sie den richtigen Bus erwischen würde. Stattdessen stand ich nun mit vierzehn anderen Menschen am Frühstückstisch und wusste: Das hier ist jetzt meine Reisegruppe. Meine zwölf Tage Island hatten offiziell begonnen. Reykjavík wirkte auf den ersten Blick angenehm überschaubar. Keine riesige Metropole, kein hektisches Großstadtgewimmel – und trotzdem steckt erstaunlich viel Geschichte in dieser kleinen Stadt.

Wer durch die Straßen läuft, begegnet immer wieder Spuren der isländischen Vergangenheit, und besonders deutlich wird dabei, wie eng die Kultur des Landes bis heute mit seinen alten Sagen verbunden ist. Unser erster größerer Stopp war die Hallgrímskirkja, eines der bekanntesten Wahrzeichen der Stadt. Und diese Kirche ist wirklich schwer zu übersehen. Mit ihren hohen, hellen Betonsäulen ragt sie weit über die umliegenden Häuser hinaus. Ihre ungewöhnliche Architektur wurde von der isländischen Landschaft inspiriert: Die markanten Pfeiler erinnern an die sechseckigen Basaltsäulen, die durch die Abkühlung von Lava entstehen und an vielen Orten Islands ganze Felswände bilden. Die Form und Farbe der Kirche erinnert gleichzeitig an die gewaltigen Kräfte, die Islands Landschaft geprägt haben – an Lava, Gletscher und die Wasserfälle, die sich durch das Land ziehen. Vor dieser Kirche zu stehen, war für mich mehr als nur der Besuch einer Sehenswürdigkeit.

Von der Hallgrímskirkja aus ging es weiter durch die bunte Innenstadt. Dabei tauchten wir nicht nur in das heutige Reykjavík ein, sondern bekamen auch einen kleinen Vorgeschmack auf die Geschichten, die Island über Jahrhunderte geprägt haben. Die isländische Sagenwelt ist schließlich mindestens genauso faszinierend wie die Landschaft. In den alten Sagas und der nordischen Mythologie wimmelt es von Göttern, Riesen, Helden und Wesen, bei denen man sich manchmal fragt, was die Menschen damals eigentlich getrunken haben, bevor sie sich diese Geschichten ausgedacht haben. Besonders bekannt ist natürlich Thor – und eine seiner wohl amüsantesten Geschichten führte ihn nach Útgarða-Loki. Dort musste der Donnergott gleich mehrere scheinbar einfache Prüfungen bestehen. Unter anderem sollte er aus einem Trinkhorn trinken. Das Problem: Das Horn war auf magische Weise mit dem Meer verbunden.