Thor trank und trank, schaffte es aber trotzdem nicht, es leer zu bekommen. Kein Wunder also, dass er an seiner eigenen Kraft zweifelte – immerhin wusste er nicht, dass er dabei tatsächlich versuchte, das Meer auszutrinken. Und damit nicht genug: Anschließend sollte er eine Katze hochheben und gegen eine alte Frau ringen. Auch diese Aufgaben scheiterten kläglich. Erst später stellte sich heraus, dass die Katze in Wahrheit die Midgardschlange war und die alte Frau das Alter selbst verkörperte.
Wenn man sich solche Geschichten genauer anschaut, merkt man schnell, dass die nordische Mythologie nicht einfach nur aus wilden Abenteuern besteht. Oft geht es um Grenzen, die selbst die stärksten Götter nicht überwinden können. Und vielleicht macht genau das die Geschichten so spannend: Selbst Thor konnte nicht einfach alles schaffen. Nach diesem kleinen Ausflug in die Welt der Götter und Sagen schlenderten wir weiter Richtung Hafen. Dort wartete ein weiteres Wahrzeichen Reykjavíks auf uns: die Sun Voyager.

Die Skulptur besteht aus glänzendem Stahl und erinnert auf den ersten Blick an das Skelett eines Wikingerschiffes, das geradewegs in Richtung Horizont zu fahren scheint. Tatsächlich bezeichnete ihr Künstler Jón Gunnar Árnason sie als ein „Traumschiff“ und eine Ode an die Sonne. Ich mochte diese Vorstellung irgendwie. Ein Schiff, das nicht unbedingt irgendwo ankommen muss, sondern einfach in Richtung Horizont aufbricht. Ich war schließlich ebenfalls gerade erst aufgebrochen, ohne so richtig zu wissen, wohin mich diese Reise eigentlich führen würde. Nach so viel Kultur und Geschichte war es allerdings erst einmal Zeit für etwas deutlich Bodenständigeres: Essen.
Wir legten in einer Streetfood-Halle am Hafen eine Mittagspause ein, bevor unser Guide uns das Programm für die kommenden Tage vorstellte. Und während wir uns noch über all die bevorstehenden Ausflüge, Landschaften und Abenteuer freuten, gab es gleichzeitig eine Erkenntnis, die uns ziemlich schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholte: Island ist teuer. Sehr teuer.

Nach der Mittagspause wollten wir uns noch etwas genauer mit dem Land beschäftigen, das wir gerade erst kennenlernten. Denn Island besteht schließlich nicht nur aus spektakulären Landschaften. Unter der Oberfläche steckt eine ziemlich faszinierende Geschichte – geologisch genauso wie kulturell. Also ging es ins Perlan Museum, eines der bekanntesten Wahrzeichen Reykjavíks. Schon von außen ist das Gebäude kaum zu übersehen. Die riesige Glaskuppel thront auf sechs großen Warmwasserspeichern und macht das Museum zu einem der auffälligsten Bauten der Stadt. Und eigentlich passt kaum ein Ort besser zu Island: Selbst die Architektur erinnert daran, welch wichtige Rolle das heiße Wasser für dieses Land spielt.

Im Inneren wird Islands Natur dann auf ziemlich beeindruckende Weise erlebbar. Statt einfach nur hinter Vitrinen zu stehen und Informationstafeln zu lesen, kann man hier die Naturgewalten Islands tatsächlich auf eine interaktive Art erleben – von Vulkanen und Erdbeben über Gletscher bis hin zur Geothermie. Besonders beeindruckend fand ich die Eishöhle. Ja, richtig gelesen: eine Eishöhle mitten in der Hauptstadt Reykjavík. Island schafft es tatsächlich, einen sogar drinnen frieren zu lassen. Die künstliche Höhle ist rund 100 Meter lang und wurde aus mehr als 350 Tonnen Schnee aus den isländischen Bergen gebaut. Während man durch die eisigen Gänge läuft, bekommt man einen ziemlich guten Eindruck davon, wie sich eine Gletscherwelt anfühlen könnte.

Im Perlan Museum gab es außerdem eine Nordlicht-Show im Planetarium, in der die Entstehung der Aurora erklärt wurde, sowie eine 360-Grad-Aussichtsplattform rund um die Glaskuppel. Von dort oben konnten wir Reykjavík und die Umgebung aus einer ganz anderen Perspektive betrachten.
Am Abend Dort lernten wir noch eine weitere, diesmal ausgesprochen praktische Lektion über Island: Alkohol ist ebenfalls teuer. Sehr teuer. Unsere Cocktails waren erstaunlich klein für erstaunlich viel Geld. Anfangs fanden wir das noch ziemlich amüsant. Schließlich waren wir im Urlaub. Wir wollten uns den Abend nicht von ein paar überteuerten Drinks verderben lassen. Also saßen wir zusammen, tranken unsere winzigen Luxus-Cocktails und lachten darüber, wie viel Geld man offenbar für sehr wenig Flüssigkeit ausgeben konnte.
Þingvellir: Wo die Erde auseinanderdriftet
Am nächsten Morgen hieß es um neun Uhr: Koffer packen und ab in den Bus. Unser kleiner blauer Hochlandbus wartete bereits auf uns und sollte uns für die nächsten Tage immer tiefer hinein in die raue isländische Landschaft bringen. Kaum hatten wir Reykjavík hinter uns gelassen, veränderte sich auch das Bild vor unseren Fenstern. Die Häuser wurden weniger, die Straßen leerer und die Landschaft immer weiter. Diese typisch isländische Weite, bei der man manchmal minutenlang aus dem Fenster schaut und trotzdem das Gefühl hat, kaum vorangekommen zu sein. Keine Städte, kaum Bäume. Dafür moosbewachsene Lavafelder, Gras, schroffe Felsen und Berge, die am Horizont auftauchten und wieder verschwanden.
Unser erstes Ziel war der Þingvellir-Nationalpark, rund 40 Kilometer östlich von Reykjavík.

Der Name Þingvellir bedeutet sinngemäß „Ebene der Volksversammlung“ – und genau hier liegt einer der bedeutendsten historischen Orte Islands. Bereits um das Jahr 930 versammelten sich hier die Menschen zum Alþingi, der traditionellen isländischen Volksversammlung. Einmal im Jahr kamen sie aus allen Teilen des Landes zusammen, um Gesetze zu beschließen, Streitigkeiten zu klären und über wichtige Angelegenheiten zu beraten. Damit gilt das Alþingi als eines der ältesten noch bestehenden Parlamente der Welt. Allein der Gedanke daran war irgendwie faszinierend: Vor fast 1.100 Jahren standen hier bereits Menschen zusammen, diskutierten über Gesetze und versuchten, ihr Zusammenleben zu organisieren – und heute laufen wir durch genau dieselbe Landschaft, allerdings mit Wanderschuhen, Kameras und deutlich modernerer Kleidung.
Þingvellir hat aber noch einen zweiten Grund, warum dieser Ort als besonders gilt. Hier kann man der Erdgeschichte praktisch beim Arbeiten zusehen. Die eurasische und die nordamerikanische Erdplatte bewegen sich langsam voneinander weg, wodurch sich die Landschaft über Millionen von Jahren immer weiter verändert hat. Besonders eindrucksvoll lässt sich das entlang der Almannagjá-Schlucht erkennen. Zwischen den Felswänden hindurchzulaufen und dabei zu wissen, dass man sich gerade inmitten eines geologischen Prozesses befindet, der bis heute andauert, macht selbst einen Spaziergang irgendwie spektakulär.

Die Sonne begleitete uns dabei erstaunlich großzügig. Zwar lagen die Temperaturen irgendwo um die zehn Grad, aber der Himmel war klar und die Sonne strahlte so hell, dass wir uns zeitweise tatsächlich fühlten, als hätten wir einen perfekten Sommertag erwischt. Gut, „warm“ wäre vielleicht etwas übertrieben. Mit dicker Jacke, Schal und Pudelmütze war ich jedenfalls bestens auf das isländische Sommerwetter vorbereitet. Unser Guide hingegen schien das deutlich entspannter zu sehen und zog während unserer Pause kurzerhand die Schuhe aus, während wir daneben in unseren Winterklamotten saßen. Und trotzdem hatte die Sonne es an diesem Tag in sich. Einige von uns sollten später tatsächlich mit einem kleinen Sonnenbrand zu kämpfen haben. Island zeigte uns damit ziemlich schnell eine wichtige Lektion: Nur weil man bei zehn Grad eine dicke Jacke trägt, bedeutet das noch lange nicht, dass man auf Sonnencreme verzichten kann. Nach unserer Wanderung wartete unser erster Wasserfall auf uns: der Öxarárfoss.

Natürlich sollte er bei Weitem nicht der letzte und schon gar nicht der spektakulärste Wasserfall dieser Reise bleiben. Aber das machte ihn nicht weniger beeindruckend. Das Wasser rauschte vor uns in die Schlucht, die Luft fühlte sich kühl und frisch an und irgendwo zwischen all den Felsen und dem Moos wurde mir klar, dass ich gerade genau das bekam, weshalb ich überhaupt nach Island gekommen war: neue Eindrücke, neue Landschaften und das Gefühl, irgendwo zu sein, wo ich vorher noch nie gewesen war. Danach ging es zurück in den Bus. Und je länger wir unterwegs waren, desto weniger erinnerte die Umgebung an das Europa, das ich kannte. Die Straßen wurden schmaler, die Landschaft weiter und die Häuser immer seltener. Bäume? Gab es kaum. Größere Büsche? Ebenfalls eher Fehlanzeige. Island wirkt an vielen Stellen fast so, als hätte die Natur beschlossen, auf alles Überflüssige zu verzichten. Wir näherten uns Laugarvatn, wo wir für die Nacht unser Quartier bezogen: das Heradsskóli Historic Guesthouse.

Schon am Eingang wartete die nächste kleine Besonderheit auf uns. Hier hieß es: Straßenschuhe aus. Hausschuhe an. Und plötzlich fühlte sich die Unterkunft weniger wie ein klassisches Hotel und mehr wie ein Besuch bei Freunden an. Während einige aus unserer Gruppe noch das örtliche Freibad ausprobierten, entschied ich mich für die deutlich unspektakulärere Variante. Ich blieb im Guesthouse. Nach dem Wandern, der langen Busfahrt und einem ganzen Tag voller neuer Eindrücke war ich ziemlich zufrieden damit, einfach einmal die Beine hochzulegen und nichts tun zu müssen. Am Abend wartete dann noch ein Drei-Gänge-Menü auf uns. Natürlich fanden sich darauf auch zwei Gerichte wieder, die in der isländischen Küche eine wichtige Rolle spielen: Fisch und Lamm. Beides gehört traditionell zu den wichtigsten Lebensmitteln des Landes – was angesichts der isländischen Landschaft auch nicht weiter überrascht. Rund um die Insel spielt die Fischerei seit Jahrhunderten eine zentrale Rolle, während die Schafhaltung durch das raue Klima und die weiten, grasbewachsenen Landschaften ebenfalls tief in der isländischen Kultur verwurzelt ist. Gerade Lammfleisch ist deshalb ein echter Klassiker der isländischen Küche. Den Abend ließen wir ausklingen. Und als zum Nachtisch noch Schokokuchen auf dem Tisch stand, war für mich eigentlich alles perfekt: satt, müde, zufrieden und ziemlich happy mit der Entscheidung, nach Island gekommen zu sein.