Nach einem leckeren Frühstück heißt es: Sachen packen und weiter geht es in Richtung Norden. Wir starten in Laugarvatn und vor uns liegt ein Tag, der es in sich hat. Eine lange Busfahrt, jede Menge kurze Zwischenstopps und vor allem: der Beginn unseres einmaligen Hochlandabenteuers.

Den ersten Teil des Golden Circle  – Thingvellir – haben wir bereits gestern besucht. Weiter geht es zum nächsten Klassiker: dem Geothermalgebiet im Haukadalur-Tal mit einem der aktivsten Geysire Islands.

Der Strokkur – brodelnder Geysir

Schon beim Aussteigen ist klar: Hier brodelt es ordentlich unter der Erde. Es ist ein kühler Morgen und über dem Boden schlängeln sich feine Dampfschwaden. Das Geothermalgebiet gehört zu den großen Höhepunkten der berühmten Route des Goldenen Kreises. Der berühmteste und zugleich aktivste Geysir Islands heißt Strokkur – übersetzt der „Butterfass“ – Geysir. Alle fünf bis zehn Minuten schießt eine gewaltige Wasserfontäne in die Höhe. Meist sind es um die 20 Meter, manchmal kann Strokkur sogar Fontänen von bis zu 40 Metern produzieren. Und jedes Mal dasselbe Schauspiel: Erst beginnt das Wasser im Becken zu brodeln, dann wölbt sich plötzlich eine eisblaue Wasserblase nach oben – und im nächsten Moment schießt das heiße Wasser mit einem gewaltigen Zischen in den Himmel.

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Rundherum dampft und blubbert es aus zahlreichen weiteren heißen Quellen. Island macht hier einmal mehr deutlich, dass die Erde unter unseren Füßen alles andere als ruhig ist. Übrigens: Nur wenige hundert Meter entfernt gibt es sogar eine Thermalquelle mit rund 40 Grad warmem Wasser, die zwei natürliche Becken füllt. Klingt verlockend? Ist es auch. Baden ist dort allerdings aus Naturschutzgründen streng verboten. Also bleibt es beim Zuschauen und beim Bestaunen der unwirklichen Landschaft: Überall steigt Wasserdampf auf und verleiht der Umgebung eine fast mystische Atmosphäre.

Allerdings ist das Geothermalgebiet einer dieser Orte, die Touristen geradezu magisch anziehen. Entsprechend voll kann es hier werden. Wer den Geysir und die dampfende Landschaft etwas ruhiger erleben möchte, sollte deshalb möglichst früh am Tag hier sein.

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Gullfoss – der goldene Wasserfall

Nur eine kurze Fahrt später wartet bereits der nächste Klassiker des Golden Circle: der Gullfoss, Islands „goldener Wasserfall“. Seinen Namen verdankt er den feinen Gletschersedimenten im Wasser des Flusses Hvítá. Wenn die Sonne darauf scheint, kann das Wasser tatsächlich golden schimmern.

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Dieses Glück hatten wir allerdings nicht – der Himmel war dicht bewölkt und während unseres Besuchs nieselte es leicht. Dafür wirkte die Landschaft rund um den Wasserfall umso rauer und mystischer. Der Gullfoss stürzt in zwei Stufen in eine insgesamt rund 2,5 Kilometer lange und bis zu 70 Meter tiefe Schlucht. Die erste Kaskade ist elf Meter hoch, die zweite 21 Meter – und beide stehen fast rechtwinklig zueinander. Besonders beeindruckend ist dabei die schiere Wassermenge: An warmen Sommertagen können hier bis zu 1.200 Kubikmeter Wasser pro Sekunde in die Tiefe donnern.

Wir bleiben noch einen Moment, lassen die gewaltigen Wassermassen und die raue Landschaft auf uns wirken, bevor wir uns wieder auf den Weg machen. Denn vor uns liegt noch ein völlig anderer Teil Islands – das einsame und wilde Hochland.

Willkommen im wilden Hochland

Die Straße wird zunehmend schlechter. Oder besser gesagt: Die ordentlich befestigte Straße verschwindet allmählich und macht einer Mischung aus Schotter, Steinen und holprigen Bergpisten Platz. Unser Bus ackert sich durch die Landschaft, und irgendwann fühlt sich die Fahrt eher wie eine Expedition als wie eine normale Busreise an. Links und rechts nichts als karge Landschaft, Geröll und Berge. Der Blick schweift über eine Landschaft, die fast unwirklich wirkt – ein bisschen wie auf dem Mond. Und dann fängt es auch noch an zu schneien. Mitten im Hochsommer.

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Das Thermometer zeigt gerade einmal ein Grad, dazu gibt es Schneeregen. Im isländischen Hochland ist das selbst im Hochsommer keine ungewöhnliche Wetterlage – und irgendwie gehört genau das zu einem Island-Abenteuer dazu. Schnee mitten im Sommer zu erleben, ist schließlich eine Erfahrung, die man so schnell nicht vergisst.

Hveravellir: Baden im Schneeregen

Mitten in dieser rauen Hochlandlandschaft liegt Hveravellir, ein geothermisches Naturschutzgebiet zwischen den beiden Gletschern Langjökull und Hofsjökull. Über Holzstege kann man durch das Gebiet laufen und überall dampft, blubbert und zischt es aus der Erde. Dabei gilt: unbedingt auf den ausgewiesenen Wegen bleiben! Unter der dünnen Erdkruste kann es teilweise extrem heiß sein, und die geothermalen Quellen sind nicht zu unterschätzen.

Doch unser eigentliches Ziel ist nur wenige Meter vom Parkplatz entfernt: der natürliche Hotpot. Das Wasser wird über zwei Zuleitungen ständig mit frischem Thermalwasser versorgt. Bei einer der Leitungen ist allerdings Vorsicht geboten – dort kommt das Wasser mit mehr als 80 Grad aus der Erde. Im Becken selbst ist die Temperatur dagegen ausgesprochen angenehm.

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Und so sitzen wir tatsächlich mitten im isländischen Hochland in einem dampfenden Hotpot – bei gerade einmal einem Grad Außentemperatur, Schneeregen und eisig beißendem Wind. Nur die Mutigen ziehen ihre Badesachen an und steigen hinein. Ein kleiner Hinweis von mir: Nichts für besonders Prüde, denn Umkleidekabinen sucht man an einem Ort wie diesem vergeblich. Also heißt es: möglichst schnell raus aus den warmen Winterklamotten und hinein ins heiße Wasser. Auf den Köpfen tragen wir Mützen oder Stirnbänder, während um uns herum der Schnee in nassen Flocken fällt. Ein ziemlich surrealer Anblick – und gleichzeitig eines dieser Erlebnisse, die man wahrscheinlich nicht so schnell vergisst.

Für mich hat das Ganze fast etwas von einem Saunagang – nur eben unter freiem Himmel. In dem angenehm heißen Wasser wird einem schnell richtig warm, doch sobald man wieder hinaussteigt, sorgt die eisige Luft für eine kalte Dusche. Da möchte man sich am liebsten sofort wieder zurück ins warme Wasser retten. Doch irgendwann müssen auch wir weiter.

Gemütliche Pause im eisigen Hochland

Nach dem heißen Bad brauchen wir erst einmal eine kleine Stärkung – und nach dem Kälteschock beim Hinaussteigen vor allem etwas Warmes. Also gehen wir ins Mountain Café, wo wir uns bei Sandwiches und einer heißen Suppe wieder aufwärmen und für die Weiterfahrt stärken. Ein kleiner Funfact am Rande: Auch im Café heißt es erst einmal Schuhe ausziehen. Ein zunächst etwas ungewohntes Gefühl, aber irgendwie hat es gleichzeitig etwas herrlich Heimeliges. Barfuß oder auf Socken sitzen, eine warme Suppe vor sich und draußen das isländische Hochland, dass sich kalt, grau und verregnet zeigt. Gerade dadurch wirkt es irgendwie gemütlich und mystisch.

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Zurück auf der Straße verändert sich nach einiger Zeit die Landschaft wieder. Das Hochland liegt hinter uns, und wir nähern uns der gut befestigten Ringstraße und damit wieder bewohnteren Gegenden. Unser nächstes Ziel wirkt hingegen, als wäre es direkt einem Fantasyfilm entsprungen.

Glaumbær – Islands Hobbit-Häuser

Auf dem Weg nach Akureyri führt die Ringstraße durch Varmahlíð. Der kleine Ort mit seinen nur rund 130 Einwohnern ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt im Norden Islands. Nur wenige Kilometer weiter liegt der historische Hof Glaumbær, welcher heute ein Freilichtmuseum ist. Die grasbewachsenen Dächer und weißen Giebel der alten Torfhäuser lassen die Gebäude tatsächlich ein bisschen wie kleine Hobbit-Häuser aus dem Auenland aussehen.

Die ältesten erhaltenen Teile des Hofes stammen aus dem frühen 19. Jahrhundert. Mit sechs weißen Giebeln und insgesamt 13 Räumen war Glaumbær für einen isländischen Hof ziemlich groß und wie viele Kirch- und Pfarrhöfe zudem vergleichsweise wohlhabend. Die traditionelle Bauweise ist sehr typisch für Island: Holz, Torf und Grassoden wurden geschickt miteinander kombiniert. Der Torf sorgte für eine gute Wärmedämmung – gerade hier im kalten Norden ein wichtiger Vorteil –, während die Grassoden auf den Dächern mit ihrem dichten Wurzelwerk vor Regen schützten. Eine erstaunlich nachhaltige Bauweise, denn eine Renovierung war teilweise erst nach Jahrzehnten wieder notwendig.

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Besonders spannend ist, dass der Hof eine lange Geschichte hat. Bereits im 11. Jahrhundert sollen hier Þorfinnur Karlsefni und seine Frau Guðríður Þorbjarnardóttir gelebt haben. Beide werden – ebenso wie Leif Erikson – mit den frühen Entdeckungsfahrten nach Nordamerika in Verbindung gebracht. Auch die auffällige weiße Kirche gehört zum Museumsensemble. Zusammen mit den Torfhäusern vermittelt sie einen guten Eindruck davon, wie das Leben in Island früher ausgesehen haben muss. Ein wenig abseits steht das Áshús. Das gelbe Haus beherbergt heute das Café „Áskaffi“ und ist wie eine Wohnstube des 19. Jahrhunderts eingerichtet. Eine herrlich nostalgische Atmosphäre – und offenbar auch genau der richtige Ort für ein Stück Kuchen. Leider reicht unsere Zeit nicht für eine ausgedehnte Kaffeepause. Unser Tagesziel wartet bereits auf uns.

Foto von Nonokas Mota auf Unsplash

Akureyri – die Hauptstadt des Nordens

Am Abend erreichen wir schließlich Akureyri. Mit knapp 20.000 Einwohnern ist sie die viertgrößte Stadt Islands und die größte außerhalb des Ballungsraums rund um Reykjavík. Wirtschaftlich und kulturell ist sie nach Reykjavík allerdings die zweitwichtigste Stadt des Landes. Die noch junge Stadt liegt nur etwa 50 Kilometer südlich des nördlichen Polarkreises und wächst stetig weiter.

Nach dem Abendessen nutzen wir die Gelegenheit, ein wenig durch die Stadt zu schlendern. Eigentlich wäre hier noch so viel mehr zu entdecken. Zum Beispiel der Botanische Garten von Akureyri, der eine beeindruckende Sammlung einheimischer und ausländischer Pflanzen beherbergt. Aber leider ist es für uns schon zu spät – und am nächsten Morgen geht unsere Reise bereits früh weiter. Dafür besuchen wir die Akureyrarkirkja, die hoch oben auf einem Hügel über der Stadt thront. Die Kirche wurde 1940 eingeweiht und stammt aus der Feder von Guðjón Samúelsson, dem Architekten, der auch die berühmte Hallgrímskirkja in Reykjavík entworfen hat.

Foto von Lachlan Gowen auf Unsplash

Und dann gibt es noch ein kleines Detail, das ich besonders niedlich finde: die Ampeln in Akureyri. Denn wenn die Ampel rot leuchtet, erscheint darin ein kleines Herz. Ein Herz in einer isländischen Ampel – manchmal sind es eben die kleinen Dinge, die einem Ort seinen ganz eigenen Charme verleihen.

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Was mich an diesem Abend aber vielleicht am meisten beeindruckt, ist gar keine Sehenswürdigkeit im klassischen Sinne. Es ist das Licht. Es ist inzwischen 22:30 Uhr – und draußen sieht es immer noch aus wie mitten am Tag. Die Sonne ist noch nicht untergegangen. Genau genommen wird sie das im Juni auch gar nicht richtig tun. Stattdessen sinkt sie nur ganz tief am Horizont und beginnt anschließend wieder aufzusteigen – das beeindruckende Phänomen der Mitternachtssonne. Nach einem langen Tag voller Geysire, Wasserfälle, Schotterpisten, Schneeregen, Thermalwasser und Hobbit-Häuser stehen wir nun in Akureyri. Über uns strahlt der blaue Himmel, im Hintergrund leuchten die schneebedeckten Berge – ein traumhafter Anblick nach diesem ereignisreichen Tag. Island kann schon ziemlich verrückt sein – und genau das macht diese Reise so besonders.

Foto von Chris-Håvard Berge auf Unsplash