Zu Besuch in der Halbwüste

Nach dem Frühstück in Knysna packen wir unsere Sachen und verlassen langsam die Garden Route Küste. Mit jedem gefahrenen Kilometer verändert sich die Landschaft ein Stück mehr. Das satte Grün der Küste verschwindet, die Straßen werden trockener, weiter und staubiger. Vor uns liegt die Kleine Karoo – eine Halbwüstenlandschaft zwischen Bergketten, die sich durch das Landesinnere Südafrikas zieht und wirkt, als hätte jemand einfach unendlich viel Himmel über eine endlose Weite gelegt.

Mitten darin liegt der kleine Ort Oudtshoorn. Eine Stadt, die vor über hundert Jahren durch Straußenfedern reich wurde. Während des sogenannten Feather Booms zahlten Kaiser, Könige und die High Society Europas damals absurd hohe  Summen für die eleganten weißen und schwarzen Federn aus der Region. Wer Geld hatte, schmückte sich mit Strauß. Und wer besonders viel Geld hatte, baute sich in Oudtshoorn gleich ganze „Federpaläste“, von denen einige bis heute erhalten geblieben sind.

Mit dem Traktor durch die Straußenfarm

Heute geht es in Oudtshoorn allerdings weniger um Mode und deutlich mehr um die Strauße selbst. Und genau deshalb führt unser erster Stopp zur Safari Ostrich Farm etwas außerhalb der Stadt – laut eigener Aussage die einzige Straußenfarm der Welt mit Traktortour.

Kurz darauf sitzen wir tatsächlich auf einem Anhänger hinter einem blauen Traktor und fahren mitten durch die Farm. Links und rechts laufen die majestetischen Strauße frei zwischen den Fahrzeugen herum, picken neugierig aus den Futtereimern und beobachten uns mit diesem leicht verwirrten Blick, den wahrscheinlich nur Strauße perfektioniert haben.

Je länger man die Tiere anschaut, desto absurder wirken sie eigentlich. Mit ihren langen Hälsen, den riesigen Augen und den kraftvollen Beinen erinnern sie eher an kleine Dinosaurier als an Vögel. Gleichzeitig sehen sie aus, als hätten mehrere Tiere beschlossen, einfach gemeinsam ein neues Wesen zu erfinden.

Dabei sind Strauße ziemlich beeindruckend. Sie gelten nicht nur als größte Vögel der Welt, sondern erreichen Geschwindigkeiten von bis zu 70 km/h. Unser Guide erklärt außerdem sehr deutlich, dass man den kräftigen Beinen besser nicht zu nahe kommt. Ein einziger Tritt kann ernsthafte Verletzungen verursachen. Kurz gesagt: sehr lustig aussehende Tiere – aber definitiv keine, mit denen man diskutieren möchte.

Noch besser wird es allerdings bei den Fun Facts. Das Auge eines Straußes wiegt tatsächlich mehr als ihr Gehirn. Und plötzlich ergibt manches Verhalten dieser Tiere erstaunlich viel Sinn.

Auf der Farm leben verschiedene Arten: südafrikanische Strauße, Zimbabwe Blue Ostriches, die auffälligen Kenyan Red Ostriches, welche als besonders aggressiv gelten und sogar seltene weiße Strauße, die wir bei unserem Besuch leider nicht zu Gesicht bekommen haben. Dazwischen begegnen uns außerdem Emus aus Australien – immerhin die zweitgrößten Vögel der Welt und gefühlt die etwas chaotischeren Cousins der Strauße.

Besonders beeindruckend ist das Straußenei. Als wir eines in die Hände bekommen, wird erst klar, wie massiv diese Eier wirklich sind. Rund 1,5 Kilogramm schwer, extrem stabil und mit einer Schale so dick, dass ein Mensch problemlos darauf stehen könnte, ohne es zu zerbrechen.

Während der Tour erfahren wir außerdem mehr über die Brutstationen, die Kükenaufzucht und die Geschichte der Straußenzucht in Oudtshoorn. Während früher mit Federn ein Vermögen verdient wurde, sind es heute vor allem Lederprodukte und das cholesterinarme Fleisch, die exportiert werden. Passend dazu gibt es nach der Tour einen Straußenwrap zum Mittagessen. Geschmacklich irgendwo zwischen Wild und Rind – deutlich unspektakulärer, als ich es nach all den dramatischen Geschichten über diese Tiere erwartet hatte.

Zwischen Tropfsteinen und Felskammern

Am Nachmittag fahren wir weiter zu den berühmten Cango Caves, etwa 29 Kilometer außerhalb von Oudtshoorn.

Die Höhlen gehören zu den größten und bekanntesten Tropfsteinhöhlensystemen Afrikas und entstanden über Millionen von Jahren durch kalkhaltiges Wasser, das langsam durch feine Risse im Gestein sickerte.

Schon beim Betreten schlägt uns die angenehm kühle Luft entgegen. Nach über 30 Grad draußen fühlen sich die konstanten 18 Grad in der Höhle fast wie eine natürliche Klimaanlage an.

Und dann öffnen sich diese riesigen Kammern vor uns. Überall wachsen Stalagmiten vom Boden nach oben, während sich Stalaktiten wie steinerne Zapfen von der Decke herabsenken. Manche Formationen sehen aus wie gefrorene Wasserfälle, andere wie versteinerte Vorhänge oder geschmolzenes Wachs. Besonders beeindruckend ist „Cleopatra’s Needle“, eine über neun Meter hohe Tropfsteinsäule, die schätzungsweise bereits 150.000 Jahre alt ist.

Durch die Beleuchtung wirken manche Räume beinahe surreal. Fast ein bisschen so, als wäre man plötzlich in irgendeiner Fantasywelt gelandet. Gleichzeitig vergisst man schnell, dass die Höhlen schon vor Jahrhunderten von den San als Unterschlupf genutzt wurden – lange bevor ein Hirte sie bei der Suche nach seiner verschwundenen Ziege zufällig wiederentdeckte.

Wir entscheiden uns für die entspanntere „Heritage Tour“ über befestigte Wege und Treppen. Die deutlich abenteuerlichere „Adventure Tour“ mit engen Felsspalten, Kriechpassagen und dem berühmten „Tunnel of Love“ überlassen wir diesmal lieber Menschen ohne Platzangst und mit deutlich mehr Vertrauen in ihre Fitness.

Am Abend erreichen wir schließlich das Kleinplaas Hotel. Kleine weiße Häuschen verteilen sich ruhig über die Anlage, der Pool glitzert in der Abendsonne und nach diesem vollen Tag fühlt sich plötzlich alles angenehm ruhig an.

Zum Abendessen gibt es ein letztes typisch südafrikanisches Braai: Chicken Spieße, Kartoffeln, Gemüse und warmes selbstgebackenes Brot. Kein großes Programm mehr. Kein Adrenalin. Nur die warme Luft, Ruhe und dieses angenehme Gefühl, nach einem langen Reisetag endlich angekommen zu sein.