Man fährt nicht nur durch das Township – man ist direkt mittendrin.

Kinder laufen an den Straßenrand, winken, strecken die Hände für ein High Five aus. Erwachsene sitzen vor ihren Häusern, beobachten uns neugierig, begrüßen uns. Kein Misstrauen, keine spürbare Ablehnung. Stattdessen Offenheit. Eine Herzlichkeit, die ich so nicht erwartet hätte.
Was sofort auffällt sind die Gegensätze. Die Tour führt durch die unterschiedlichsten Viertel – teils abrupt wechselnd. Wellblechhütten mit improvisierten Stromleitungen und sandigen Wegen. Wäsche, die zwischen schiefen Pfosten im Wind hängt. Ein paar Abbiegungen später fahren wir auf asphaltierten Straßen und bestaunen solide Backsteinhäuser mit gepflegten Vorgärten. Dann wieder Armut.
Wir fahren über Wiesen, die von Müll bedeckt sind. Ziegen suchen zwischen Plastikresten nach Fressbarem. „Je ärmer die Menschen, desto verdreckter die Umgebung“, erklärt Sipho. Warum genau das so ist, kann er uns nicht abschließend beantworten.

Soweto besteht aus rund 30 Townships. Hohe Arbeitslosigkeit prägt viele Viertel, die sozialen Unterschiede sind sichtbar. Und doch spürt man etwas, das schwer messbar ist: eine Gemeinschaft. Zusammenhalt. Stolz.
Und was ich als bekennende „Flachlandantilope“ nur allzu deutlich spüre: Es ist hügelig. Sehr hügelig. Die Tour geht konstant rauf und runter.
Spätestens nach der dritten Steigung weiß ich, dass Soweto definitiv kein flaches Township-Panorama ist.

Erinnerungskultur in Soweto
Ein zentraler Stopp der Tour ist das berühmte Mandela House in Orlando West. Ein eingeschossiges Backsteinhaus, unscheinbar, fast schlicht. Hier soll Nelson Mandela zeitweise gelebt haben, bevor er zu einer der prägenden Figuren des 20. Jahrhunderts wurde. Heute ist das Haus ein Museum, das seinem Leben und dem Widerstand gegen das Apartheid-Regime gewidmet ist.

Wenige Straßen weiter liegt das Hector-Pieterson-Mahnmal. Der 16. Juni 1976 markiert einen wesentlichen Wendepunkt in der südafrikanischen Geschichte. Tausende Schülerinnen und Schüler protestierten gegen die Einführung von Afrikaans als verpflichtende Unterrichtssprache – für viele ein Symbol der Unterdrückung. Die Polizei reagierte mit Gewalt. Mindestens 176 Menschen starben an diesem Tag, Schätzungen gehen von deutlich mehr aus. Das Bild des sterbenden Hector Pieterson ging um die Welt.

Vor dem Mahnmal wird es still in unserer Gruppe.
Die Geschichte ist hier nicht abstrakt. Sie liegt auf der Straße, in Mauern, in Namen. Soweto steht für Widerstand – aber nicht nur. Hier werden alle elf offiziellen Amtssprachen Südafrikas gesprochen. Es gibt ein eigenes Fußballstadion, eine lebendige Musikszene und eine ausgeprägte Straßenkultur. Die soziale Realität ist komplexer, als viele Außenstehende vermuten.
Zum Abschluss der Tour probieren wir ein traditionelles, selbst gebrautes Bier, häufig als Shebeen-Bier bezeichnet. Es gärt nur wenige Tage. Der Geschmack: intensiv, hefig, säuerlich. Authentisch? Absolut. Erfrischend? Diskussionswürdig. Selbst für europäische Bierliebhaber ist das eher eine kulturelle Erfahrung als ein Genussmoment.
Rosebank: moderner Kontrast
Am späten Nachmittag erreichen wir das Radisson Red im Stadtteil Rosebank. Dieses Viertel gilt als einer der sichereren und gehobeneren Bereiche Johannesburgs. Für viele Reisende eine pragmatische Basis. Johannesburg bleibt dennoch eine Stadt, in der man sich bewusst bewegen sollte. Nachts allein unterwegs zu sein, ist hier keine gute Idee. Also bleiben wir zusammen. In der Einkaufsstraße begegnen wir internationalen Marken, sauberen Gehwege, Cafés – es wirkt fast vertraut.
Entlang der Straßen stehen Jacaranda-Bäume in voller Blüte. Ursprünglich aus Südamerika eingeführt, blühen sie im südafrikanischen Frühling (Oktober-November) in intensivem Lila. Wunderschön – und wegen ihres hohen Wasserverbrauchs nicht unumstritten in dieser trockenen Region. Trotzdem prägen sie das Stadtbild vieler Viertel und verleihen Johannesburg eine fast surreale Farbkulisse.

Johannesburg ist wirtschaftlich stark, historisch geprägt und sozial widersprüchlich. Genau deshalb ist sie ein guter Ausgangspunkt für eine Reise durch Südafrika. Safari beginnt hier nicht mit Löwen. Sondern mit Geschichte.