Nach einer anstrengenden und viel zu kurzen Nacht, in der ich vor lauter Aufregung kein Auge zubekommen habe, beginnt meine Reise zu einem lang gehegten Traum bei strahlendem Sonnenschein.
Es gibt Orte, die man sehen möchte. Und es gibt Orte, die man fühlen möchte. Südafrika gehört für mich zur zweiten Kategorie. Die Vorstellung, in einem offenen Jeep zu sitzen und den warmen Wind auf der Haut zu spüren, während irgendwo in der Ferne ein Löwe brüllt, Giraffen zwischen Akazien stehen und Elefanten gemächlich die Savanne durchqueren – das ist für mich mehr als eine Safari. Vielleicht hat Disney’s „Der König der Löwen“ den ersten Funken gezündet, gepaart mit meiner tiefen Faszination für wilde Tiere in all ihrer Vielfalt.
So startet meine erste Reise ans andere Ende der Welt.

Ankunft in Johannesburg – zwischen Goldrausch und Gegenwart
Zehn Stunden Nachtflug in der Economy-Class später bin ich allerdings weniger Safari-Ikone als zusammengefaltete Bordkarte. Ein Fensterplatz ohne Fenster, ein nicht funktionierender Bildschirm, eine Rückenlehne mit Eigenleben und eine Klimaanlage, die offenbar auf „Polarexpedition“ eingestellt ist. Die Luft ist trocken wie Pergament. Entsprechend zerknittert lande ich am Morgen in einer Stadt, die viele eher aus Nachrichten kennen als aus Reisekatalogen.
Johannesburg – von den Einheimischen meist nur „Joburg“ genannt – ist eine der größten Metropolregionen in Südafrika. Die Stadt ist im Jahr 1886 nach der Entdeckung einer der weltweit größten Goldlagerstätten am Witwatersrand entstanden. Innerhalb kürzester Zeit entwickelte sie sich zum wichtigsten Goldproduzenten der Welt.
Der Beiname „City of Gold“ ist also keine Marketingidee, sondern historische Tatsache.

Heute ist Johannesburg das wirtschaftliche Zentrum Südafrikas. Banken, Industrie, Konzerne – hier schlägt das finanzielle Herz des Landes. Gleichzeitig ist die Kriminalitätsrate hoch, soziale Ungleichheit prägt viele Viertel, die Nachwirkungen der Apartheid sind deutlich. Das Auswärtige Amt warnt nicht ohne Grund vor Raubüberfällen und Gewaltverbrechen. Johannesburg ist kein Ort, den man leichtfertig unterschätzen sollte. Dementsprechend mulmig ist mein Gefühl, als ich dort ankomme.
Dazu kommt die Höhe: Rund 1.700 Meter über dem Meeresspiegel liegt die Stadt auf einem Plateau. Man spürt das. Die Luft wirkt klarer, dünner, staubiger. Und während ich bei der Einreise feststelle, dass 40 Minuten Wartezeit extrem lang sein können, wenn man dringend eine Toilette sucht, wird mir klar: Jetzt geht es wirklich los.
Zu Besuch in Soweto
Vor der Ankunftshalle wartet Sipho, unser Guide. Ruhige Stimme, warmes Lächeln, eine Souveränität, die sofort Vertrauen schafft. Ein paar Worte, ein erster Kaffee – und die Müdigkeit weicht langsam der Vorfreude auf das nächste Abenteuer. Der erste Programmpunkt: Soweto.
Soweto steht für „South Western Townships“. Rund 15 Kilometer südwestlich des Zentrums gelegen, umfasst das Gebiet fast 100 Quadratkilometer. Offiziell leben hier etwa eine Million Menschen, Schätzungen gehen von deutlich mehr als drei Millionen aus. Bis 2002 war Soweto eine eigenständige Stadt, heute gehört es zur Metropolgemeinde Johannesburg.
Ursprünglich entstand es als Wohngebiet für die schwarzen Minenarbeiter, wurde aber durch Gesetze wie den „Urban Areas Act“ von 1923 systematisch zum segregierten Wohnraum für den Großteil der schwarzen Bevölkerung. Während der Apartheid entwickelte sich das Township zum Symbol und Brennpunkt des Widerstands.

Bevor wir tiefer in diese Geschichte eintauchen, essen wir zunächst bei Lebo’s Soweto Backpackers zu Mittag. Eine offene Küche, riesige gusseiserne Töpfe, eine Feuerstelle, auf der es brodelt. In den schweren Töpfen schmort Potjiekos – ein traditioneller Eintopf, der stundenlang über dem offenem Feuer gart. Dazu Currys, Salate, würziges Chakalaka und Pap, ein fester Maisbrei, der in Südafrika in etwa die Rolle von Kartoffeln einnimmt.
Es ist kein klassisches Restaurant, sondern ein Braai – das südafrikanische Barbecue, sozialer Mittelpunkt jeder Zusammenkunft. Eine Liveband spielt afrikanischen Pop, Stimmen mischen sich mit dem Klirren von Geschirr. Das Essen ist würzig, kräftig, genau das Richtige nach einem Flug, der eher Durchhalteübung als Komfort war. Nichts wirkt inszeniert. Alles fühlt sich echt und aufregend an.

Mit dem Fahrrad durch das Township
Nach dem Mittagessen steigen wir dann auf die Fahrräder, um Soweto auf die vermutlich direkteste Art kennenzulernen.